Poliklinik Frankfurt:
ein solidarisches Stadtteilgesundheitszentrum für alle

Wir, der „Verein für solidarische Gesundheit Frankfurt“, streben an, ein solidarisches Stadtteilgesundheitszentrum, die Poliklinik Frankfurt, aufzubauen. Dieses soll im Stadtteil Riederwald entstehen. Unten gibt es weitere Infos dazu, warum wir uns für den Riederwald entschieden haben.

Es können natürlich auch Personen zu den Angeboten kommen, die nicht im Riederwald wohnen!

Wir sind eine Gruppe von Personen, die mehrheitlich im Gesundheitswesen und sozialen Bereich tätig sind und die Ansicht teilen, dass im aktuellen Gesundheitssystem nicht bedürfnis- und bedarfsgerecht gearbeitet wird. Dies ist u.a. dadurch bedingt, dass die Arbeit in diesem Gesundheitssystem der Gewinnorientierung unterworfen ist und hat eine mangelhafte Gesundheitsversorgung zur Folge. Dabei wird den Lebensrealitäten der Patient*innen nur unzureichend Beachtung geschenkt, obgleich soziale Determinanten, wie beispielsweise Armut und Diskriminierungserfahrung, erheblichen Einfluss auf die Gesundheit haben. Dementsprechend verfolgen wir einen multiprofessionellen und ganzheitlichen Ansatz der Gesundheitsversorgung, welcher räumlich wie ideell in der Lebenswelt der Patient*innen verankert ist. Gemeinsam mit den Nutzer*innen der Poliklinik soll den jeweiligen Problemen und Beschwerden durch das Zusammenspiel verschiedener Angebote begegnet werden: Neben der medizinischen Versorgung soll es Beratung geben (z.B. zu Mietrecht, Asyl und psychischer Gesundheit) sowie Raum für Vernetzung und Austausch, Gruppenaktivitäten und Veranstaltungen. Dies soll nicht nur in den Räumlichkeiten der Poliklinik stattfinden, sondern auch aufsuchend im Stadtteil.

Wir orientieren uns unter anderem an bereits bestehenden Polikliniken, wie zum Beispiel der Poliklinik Veddel.

Selbstverständnis

1. Kritik am aktuellen Gesundheitssystem

Im aktuellen Gesundheitssystem wird Gesundheit als individuelle Ressource verstanden. Sogenannte „soziale Determinanten von Gesundheit“ werden nicht oder nur unzureichend berücksichtigt, obwohl der negative Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozialer Ungleichheit gut belegt ist (z.B. Marmot, 2005).
„Soziale Determinanten“ erfassen die Verhältnisse, in denen Menschen leben. Als Beispiele sind hier Bildungsstand und Arbeitsverhältnisse, sozioökonomischer Status, Wohnsituation und Diskriminierungserfahrungen zu nennen.
Die fortschreitende Ökonomisierung des Gesundheitssystems verschärft diese Situation.  Fallpauschalen  und die Beteiligung von Investor*innen in medizinischen Versorgungszentren oder Kliniken sind nur zwei von vielen Beispielen, anhand derer sichtbar wird, dass das Gesundheitsystem Teil der kapitalistischen Wirtschaftsweise ist und die Menschen, die davon abhängig sind, nicht im Vordergrund stehen. Sinkende Löhne der Beschäftigten, massive Personalkürzungen, hohe Arbeitsbelastung und eine daraus resultierende schlechtere Versorgung sind die Folge.
Aus unserer Sicht ist eine tatsächlich nachhaltige und gerechte Gesundheitsversorgung mit dem kapitalistischen System nicht vereinbar. Dennoch ist es unser Ziel, die „sozialen Determinanten“, die Einfluss auf die Gesundheit unser Patient*innen nehmen, zu erkennen und in unserer Arbeit zu berücksichtigen. Ein kritischer Umgang mit unserer eigenen Rolle als Versorger*innen und Leistungserbringer*innen ist hierbei unerlässlich. Auch halten wir deswegen ein nach innen wie nach außen solidarisches und nicht-profitorientiertes Arbeiten für unbedingt notwendig.

2. Was ist ein solidarisches Stadtteilgesundheitszentrum?

Ein solidarisches Stadtteilgesundheitszentrum ist ein Ort, an dem es darum geht, möglichst viel Raum und Angebote zu schaffen, um für ein nachhaltig gesundes Leben der Menschen im Viertel/Stadtteil zu sorgen. Dies soll sowohl die primäre medizinische Versorgung (z.B. allgemeinärztliche Versorgung) umfassen wie auch beraterische Angebote (z.B. psychologisch/psychosozial, hinsichtlich Mietrecht oder Aufenthalt, zu Ernährung oder Bewegung). Des Weiteren soll das Stadtteilgesundheitszentrum Anlaufstelle für die Menschen aus dem Stadtteil sein und Raum für Vernetzung und Austausch bieten, z.B. in Form eines Cafés oder als Veranstaltungsstätte.

„Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ (WHO, 1995)

Das Stadtteilgesundheitszentrum arbeitet selbstverwaltet und im Kollektiv. Das bedeutet unter anderem, dass es keine Leitung o.Ä. gibt und wir möglichst hierarchiearm miteinander umgehen. Außerdem wollen wir möglichst unabhängig von Geldgeber*innen, Parteien oder anderen potentiellen Einflussnehmer*innen agieren, uns von diesen nicht instrumentalisieren lassen und stets die Interessen der Menschen, mit denen wir im Zentrum zusammenarbeiten, priorisieren.

Wir arbeiten interprofessionell miteinander. Das bedeutet, dass Personen mit unterschiedlichen Expertisen gemeinsam das Ziel verfolgen, möglichst gute Gesundheitsversorgung sicherzustellen und sich aktiv an gesellschaftlichen Transformationen zu beteiligen. Das können beispielsweise Sozialarbeiter*innen, Menschen, die das Viertel besonders gut kennen, Gesundheitsarbeiter*innen, Menschen, die Erfahrungen mit bestimmten Diskriminierungsformen haben, Jurist*innen, Psycholog*innen und Aktivist*innen sein.

Wir arbeiten basisdemokratisch zusammen, das heißt, dass wir möglichst gemeinsam im Konsens entscheiden und wichtige Entscheidungen nicht durch einzelne Repräsentant*innen getroffen werden dürfen, sondern immer rückgetragen und gemeinsam diskutiert werden.

3. Prävention

Gesundheitspolitik und -versorgung darf also nicht nur die individualisierte medizinische Behandlung der Einzelnen sein, sondern muss darauf abzielen, soziale Verhältnisse grundlegend zu ändern: z.B. eine gleichmäßige Reichtumsverteilung und ausgleichende Sozialpolitik, gerechte Wohn- und Arbeitsverhältnisse, nachhaltige Umweltpolitik, die Bekämpfung von Rassismus und die Gleichstellung aller Geschlechter.

Dafür ist es uns wichtig, nicht nur darauf zu achten, was Menschen persönlich zu ihrem Wohlbefinden beitragen können (Verhaltensprävention), sondern bewusst im Blick zu behalten, was soziale und strukturelle Faktoren sind, die Einfluss auf den Gesundheitszustand einer Person oder Personengruppe nehmen (Verhältnisprävention) und zu versuchen, diese Zustände im Einzelnen oder, wenn möglich, strukturell zu verändern.

Ein Ansatz hierfür kann sein, Raum zu schaffen, in dem gemeinsamer Austausch und Vernetzung stattfinden kann. Ein offener Ort, beispielsweise ein Café, in dem Menschen willkommen sind, zu sein, ohne dass Verpflichtungen oder Erwartungen an sie gestellt werden.

Daneben besteht auch die Möglichkeit, einen Raum, eine Community zu finden, um sich gemeinsam zu organisieren. Auf Menschen zu treffen, die mit ähnlichen alltäglichen Kämpfen konfrontiert sind. Es kann ein Ort des Austauschs, der gegenseitigen Bestärkung und der gemeinsamen Organisierung sein.

Wir sehen es auch als sinnvoll an, einen Raum zu öffnen, in dem Menschen mitunter selbstorganisiert diverse Präventionsansätze verfolgen können, wie z.B. gemeinsames Kochen, sportliche Betätigung oder Selbsthilfegruppen.

4. Diskriminierungssensibles Arbeiten

Vorurteile haben einen großen Einfluss darauf, wie wir Menschen begegnen und wie wir sie behandeln. Dies gilt für jedes Aufeinandertreffen, nicht nur auf professioneller Ebene, sondern auch persönlich, wobei die Tragweite dessen im Behandlungskontext besonders groß ist und folglich besondere Beachtung erfahren muss.

Diskriminierungserfahrungen stellen sich trotz ihres strukturellen Charakters individuell dar und nehmen daher auch unterschiedlichen Einfluss auf die Gesundheit sowie Erfahrungen im Gesundheitssystem. Diskriminierung kann krank machen (z.B. Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), 2023).

Wir haben den Anspruch, Diskriminierung in unserer Arbeit abzubauen, sowohl intern als auch im Kontakt mit unseren Patient*innen, Nachbar*innen, Mitbehandler*innen und allen anderen Personen, denen wir begegnen.

Dabei möchten wir die Überschneidung und Gleichzeitigkeit verschiedener Formen von Diskriminierung, beispielsweise aufgrund Herkunft, Geschlechts, Klasse, Behinderung oder Bildungsstandes, gegenüber einer Person in der gesellschaftlichen Realität anerkennen und berücksichtigen.

Um den Zugang zu unseren Versorgungsangeboten für alle Personen möglichst niedrigschwellig zu gestalten, ist es uns beispielsweise wichtig, dass die Patient*innen die Sprache, auf der sie mit uns kommunizieren, selbst wählen können, d.h. der minimale gemeinsame Nenner soll nicht ausreichen. Auch sollen die Patient*innen sich nicht selbst darum kümmern müssen, verstanden zu werden. Um dies gewährleisten zu können, ist die Zusammenarbeit mit professionellen Übersetzer*innen für uns von besonderer Bedeutung.

Insgesamt soll die Poliklinik mit Hilfe aller dort arbeitenden Personen, Nutzer*innen und Besucher*innen als ein offener Raum gestaltet werden, der möglichst frei von Ausgrenzung und diskriminierendem Verhalten ist.

5. Hierarchien abbauen

Die Gesundheitsversorgung in Deutschland ist geprägt von Hierarchien und Machtgefällen.

Es findet beispielsweise eine strikte Trennung von Behandler*innen und Patient*innen statt. Wir streben an, diese Trennung zu hinterfragen und  an den Punkten, an denen es sinnvoll ist, aufzulösen. Das Prinzip des „shared decision-making“ (deutsch: partizipative Entscheidungsfindung) kann hier eine Grundlage bilden. Es handelt sich um ein Konzept der Ärzt*innen-Patient*innen-Beziehung, in dem, wie der Name schon verrät, eine gemeinsame Entscheidung über die Behandlung von Patient*innen getroffen wird. Es ist wichtig, paternalistische Annahmen hinter sich zu lassen und die Patient*innen als Expert*innen wahrzunehmen, wenn es um ihre körperlichen und psychischen Belastungen in Folge ihrer Lebensumstände geht.

Auch kennen die Menschen, die versorgt werden, die Stärken und Schwächen ihres Stadtteils und sind wichtige Ansprechpartner*innen bei der Frage, wodurch Verbesserungen erreicht werden können.

Wir wollen über verschiedene Wege aktiv Feedback einholen und Raum geben, damit die Poliklinik durch Patient*innen und Besucher*innen selbst und nach deren Bedürfnissen gestaltet wird. Wir befürworten die Selbstorganisation von Besucher*innen, beispielsweise in Form einer Patient*innen-Vertretung, die die Belange der Patient*innen gegenüber dem Kollektiv vertritt.

Darüber hinaus bilden sich auch im kollegialen Umfeld Hierarchien und Machtdynamiken ab. Wir streben ein Team-Verständnis an, in dem sich alle Mitarbeitenden auf Augenhöhe begegnen. Auch jene, die evtl. über andere Dienstleister*innen in der Poliklinik mitarbeiten, sind hier nicht aus den Augen zu verlieren.
Ziel ist es, die gesellschaftlich etablierten Hierarchien, die zwischen den verschiedenen Berufen und Expertisen bestehen, abzubauen.

Offen bleibt die Frage, inwiefern der Begriff „Patient*in“ ein hierarchiefreies bzw. -armes Arbeiten zulässt und den verschiedenen Menschen, die die Poliklinik mit diversen Anliegen besuchen, gerecht wird.

6. Multiprofessionelle Zusammenarbeit

Als Poliklinik arbeiten wir innerhalb des Kollektivs sowie nach außen multiprofessionell. Das bedeutet konkret, dass Gesundheitsarbeiter*innen und weitere Expert*innen verschiedener anderer Bereiche auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Wir streben beispielsweise an, rechtliche Beratung anzubieten, insbesondere in den Bereichen Miet-, Arbeits-, und Asylrecht. Solange wir dieses oder andere Angebote selbst nicht leisten können, verweisen wir an bereits bestehende externe Stellen oder Expert*innen. Auch mit diesen streben wir eine enge Zusammenarbeit an, immer mit dem Ziel, eine möglichst gute Behandlung zu gewährleisten.

Die Zusammenarbeit soll durch Fortbildungen, Supervisionen, Intervisionen und Fallbesprechungen ermöglicht und weiterentwickelt werden. Auch ausführliche Anamnesebögen für Patient*innen und eine präzise Dokumentation tragen hier zur vollständigen Erfassung (gesundheits-) relevanter Daten bei.

7. Evidenzbasiertes Arbeiten

Wir sehen uns als Struktur der Primärversorgung im Gesundheitssystem und arbeiten im Rahmen von „Best Practice“. Dabei orientieren wir uns immer am neuesten Stand der Forschung und verfügbarer Evidenz, ohne den Menschen dabei aus den Augen zu verlieren.
Das bedeutet für uns auch, ungenügend oder nicht beforschte Themenfelder (z.B. Gendermedizin) oder bestehende Verzerrungen aufgrund von Vorurteilen (z.B. bei der Psychotherapieforschung) bei individuellen Therapieentscheidungen nicht zu vernachlässigen. Besonders wichtig ist uns jedoch dabei, keinerlei Raum für Verschwörungserzählungen zu öffnen.
Es muss, wenn möglich, eine Aushandlung stattfinden, sollten sich die Behandlungsansätze der Gesundheitsarbeiter*innen und der Patient*innen-Wunsch entgegenstehen.

Ein Beispiel für diese grundsätzliche Haltung stellt dar, dass wir keine homöopathischen Rezepte ausstellen, da es aktuell keine seriösen wissenschaftlichen Studien gibt, die die unmittelbare Wirksamkeit belegen.

8. Bedarfsanalyse und Evaluation

Die aktuelle Forschung im Rahmen der Medizin hat großen Einfluss auf die Art und Weise, wie wir über Krankheit und Gesundheit denken. Sie wird den Bedürfnissen, Lebensumständen und Wahrnehmungen der Patient*innen oft nicht gerecht, da sie sich stark an der kapitalistischen Verwertungslogik orientiert.

Eigene Forschung in Form von Evaluation und die Weiterentwicklung unseres Wirkens stellen daher zentrale Prämissen des Projekts dar. Uns ist wichtig, in diesem Rahmen Daten, Wissen und Erfahrungen festzuhalten und ggf. zugänglich zu machen. Jede Teilnahme an Befragungen oder Auswertungen muss auf freiwilliger Basis und ohne Druck stattfinden. Gesundheit heißt auch, sich wohlzufühlen.

Quellen:

Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). (2023). Rassismus und seine Symptome. Bericht des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors. Berlin.

Marmot, M. (2005). Social Determinants of Health Inequalities. The Lancet, 365(9464), 1099-1104.

World Health Organization. (1995). Constitution of the World Health Organization.

Poliklinik Syndikat

Das „Poliklinik Syndikat“ ist der Dachverband von Projekten, die sich den Aufbau und den Betrieb solidarischer Gesundheitszentren zur Aufgabe gemacht haben. Auch wir streben perspektivisch an Teil des Poliklinik Syndikats zu werden und stehen bereits in engem Austausch. Durch die solidarischen Gesundheitszentren soll gesundheitlicher Ungleichheit entgegengewirkt und für eine gerechte und solidarische Gesellschaft gekämpft werden.
Da herrschende Gesundheitspolitik auf lokaler, Bundes- oder EU-Ebene verantwortet und geplant wird, muss die Intervention gegen diese bzw. der Aufbau von solidarischen Alternativen auch auf diesen Ebenen organisiert werden. Interventionsfähigkeit ist allein lokal oder regional gar nicht herstellbar, sondern es braucht die Herausbildung von Strukturen, die zunächst auf bundesweiter Ebene – perspektivisch aber auch auf europäischer und schließlich globaler Ebene – in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen eingreifen können. Daher organisiert sich das Poliklinik Syndikat e.V. auf diesen Ebenen.

Als bundesweite Struktur werden vier große Ziele verfolgt: 

  • Den Aufbau von Zentren – in Städten und auf dem Land
  • Die Arbeit der Zentren vor Ort zu verbessern
  • Das Gesundheitssystem in Deutschland neu zu gestalten
  • Mit unserer Arbeit eine transformative Wirkung zu erzielen

Konkrete Ziele des Syndikats für die kommenden Jahre: 

  • Neue Konzepte für die Gemeinwesenarbeit – Entwicklung und Implentierung von Transformative Community Organizing in den Zentren
  • Polikliniken auf dem Land – Unterstützung von Projekten in unterversorgten Gebieten im ländlichen Raum
  • Stärkung der Verbandsstruktur – Ressourcen für interne Vernetzung, unser halbjährliches Gesamttreffen
  • Unterstützung unserer Mitglieder – Weiterbildungen und Skill-Sharing beim Aufbau und Betrieb der Zentren
  • Gesundheitsversorgung für Alle – Veranstaltungsreihe zum Thema „Solidarische Infrastrukturen“
Bild des Logos "Poliklinik Syndikat", weiterführende Informationen

Warum Riederwald?

Der Riederwald wurde als Arbeiter*innenviertel gegründet, von hier aus wurde während des NS-Regimes antifaschistischer und sozialistische Widerstand geleistet. Heute häufen sich rassistische Übergriffe im Viertel. Wir, als Antifaschist*innen haben, neben den folgenden soziodemografischen Überlegungen, auch diese Entwicklung als Anlass genommen, uns dafür zu entscheiden, im Riederwald einen solidarischen und offenen Ort für die Anwohner*innen zu schaffen.

Um eine Entscheidung für ein Viertel als Standort für ein solidarisches Stadtteilgesundheitszentrum treffen zu können, haben wir Statistiken der Stadt Frankfurt analysiert. Uns war dabei die Kombination an Informationen zu Gesundheitsversorgung und sozioökonomische Faktoren, wie Einkommen oder Wohnraumgröße pro Person, wichtig zu nutzen. Auch äußere Faktoren, wie die Lage, die Anbindung oder Verkehr haben wir mit in unsere Überlegungen mit einfließen lassen.
Nach dieser Analyse haben wir uns eine engere Auswahl von unterversorgten Vierteln in Frankfurt mit jeweils dem Quartiersmanagement persönlich angeschaut.
Anhand der gesammelten Eindrücke und analysierten Daten entschieden uns letztendlich für den Riederwald.

Im Riederwald gibt zurzeit nur zwei Hausarztpraxen und keine kinderärztliche Versorgung.
Die Menschen, die im Riederwald leben, werden die kommenden Jahre vom Bau der A661 betroffen sein. Dies bedeutet, dass der Verkehr entlang der Siedlung ebenso wie die Lärm und Abgasbelastung stetig zunehmen, was sich negativ auf die Gesundheit der Bewohner*innen auswirken kann.

In Stadtteilen, in die Menschen verdrängt werden, die ein verhältnismäßig geringeres Einkommen haben, treten chronische Erkrankungen, psychische Belastungen und andere Gesundheitsprobleme häufiger auf, was ein spezialisiertes und leicht zugängliches Angebot nötig macht.
Im Riederwald leben verschiedene Communities miteinander, von denen einige aufgrund rassistischer Ausgrenzung oder anderer sozialen Ausschlüsse einen erschwerten Zugang zu Gesundheitsversorgung haben. Unser Anliegen ist es, offene und mehrsprachige Angebote zu schaffen, um alle Personen angemessen versorgen zu können.

Abseits der Primärversorgungseinrichtungen gibt es einige wenige Angebote im sozialarbeiterischen Bereich. Das solidarische Stadtteilgesundheitszentrum soll diese Strukturen stärken und als Plattform für Gesundheit und Gemeinwesenarbeit dienen.

Eingliederung des Konzepts „Poliklinik“ in die Primärversorgungslage in Deutschland

Menschen, die in Armut leben, sind häufiger von Krankheiten betroffen und haben eine geringere Lebenserwartung. Dies liegt nicht zwangsläufig an den individuellen Verhaltensweisen, sondern vielmehr an sozialen Determinanten, die sich direkt auf unsere Gesundheit auswirken. Faktoren wie schlechte Arbeitsbedingungen, beengte Wohnsituationen, ständige finanzielle Ängste spielen dabei eine entscheidende Rolle. Aber auch der fehlende Zugang zu niedrigschwelliger Gesundheitsversorgung.

Die aktuelle medizinische Versorgungslage in Deutschland begegnet dieser Problematik in unseren Augen nicht ausreichend. Immer mehr Praxen schließen. Die wenigen, die bleiben, sehen sich immer mehr mit ökonomischen Zwängen konfrontiert. So werden häufig nur noch neue Patient*innen aufgenommen, wenn diese über eine Privatversicherung verfügen, sofern die Praxis überhaupt Kassenpatient*innen versorgen. Die Verteilung der Praxen ist nicht zwangsläufig bedarfsgerecht, sondern orientiert sich zunehmend an wirtschaftlichen Faktoren. Personen ohne Krankenversicherung werden zumeist gar nicht versorgt.

Diese Problematik hat mittlerweile auch die Bundesregierung erkannt. Im Rahmen des Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetzt (GVSG) wurden sogenannte Gesundheitskioske geplant, also niedrigschwellige Primärversorgungsstrukturen, die einen diskriminierungsfreien Zugang zu gesundheitlicher Versorgung für alle in Deutschland lebenden Menschen schaffen sollen. Aktuell steht die Etablierung solcher Kioske wieder auf der Kippe, da sie in einem Mitte April veröffentlichten Entwurf nicht mehr auftauchten.

Dies ist zu bedauern und es bleibt die Hoffnung, dass die Diskussion darüber nicht abebbt und das Konzept des Gesundheitskiosk in einer überarbeiteten Form wieder in das GVSG aufgenommen wird. Im Rahmen des ersten Gesetzesentwurfs wurden dabei wurden gute Ansätze einer niedrigschwelligen Primärversorgung aufgezeigt, wie der einfache Zugang, die Lotsenfunktion, die Anerkennung sozialer Determinanten von Gesundheit, die Einbeziehung von Gesundheitsförderung und Prävention und die enge Vernetzung mit anderen Akteur*innen im Stadtteil bzw. in der Region. Diese Ansätze reichen jedoch nicht aus: es braucht vielmehr einen Paradigmenwechsel hin zu einem Primärversorgungssystem. Um den gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht zu werden und Antworten auf die bestehenden sozialen Ungleichheiten zu liefern, müssen grundlegend neue Wege eingeschlagen werden. Dazu gehört auch die flächendeckende Einführung von Primärversorgungszentren, die multiprofessionell und niedrigschwellig versorgen. Eine moderne Primärversorgung sollte im Sinne eines Public-Health-Ansatzes über die individuelle Ebene hinaus spezifische Bedarfe von Bevölkerungsgruppen in den Blick nehmen und so auch auf die Lebensverhältnisse von besonders vulnerablen Patient*innengruppen fokussieren (vgl. Forderungspapier Ärzte der Welt, Poliklinik-Syndikat, vdää* und BAG W).

An diesem Punkt kommt das Konzept der Polikliniken ins Spiel. Hierbei wird genau dieser Ansatz genutzt, um dem Vorhaben einer niedrigschwelligen Primärversorgungsstruktur umfassend gerecht zu werden. Mit dem multiprofessionellen und leicht zugänglichen Ansatz werden Bedarfe besser erkannt und breiter abgedeckt, als es mit Gesundheitskiosken möglich wäre. Unter anderem der präventive Ansatz, die allgemeinmedizinische Versorgung, das Community-Health-Nurse-Konzept, aber auch die soziale, psychologische und rechtliche Beratung unter einem Dach schafft eine Breite an Angeboten, mit denen den Problemen verschiedener Personengruppen allumfassender begegnet werden kann, als es im aktuellen System, aber auch im Rahmen des Gesundheitskiosks, möglich wäre.

Weiterführende Informationen:

Poliklinik-Syndikat Positionspapier Primärversorgung

Bundesgesundheitsministerium Stellungname Poliklinik-Syndikat